Lieber Herr Brall, – eine Rede von Martin Arnade

Die bewegende Rede, die Martin Arnade anlässlich des Requiems von Ulrich Brall hielt, möchten wir hier gern veröffentlichen. Er schrieb sie gemeinsam mit Moritz Gielisch, Anselm Gripp, Annelie Gielisch und Lena Wollschläger. 

Lieber Herr Brall, 

in all den Jahren haben wir unzählige Briefe von Ihnen erhalten, die sowohl uns als auch unseren Eltern immer in Erinnerung geblieben sind und die trotz oder gerade wegen ihres exhortativen Untertons aufbewahrt wurden. Nun möchte ich diese Gelegenheit heute nutzen, einmal ein paar Worte an Sie zu richten. Dies tue ich stellvertretend für alle aktuellen und ehemaligen Chormitglieder.

Gegenüber Freunden und Bekannten gerate ich häufig in Erklärungsnot, wenn ich die Faszination Chor, St. Malo und Ulrich Brall erläutern soll. Ich will an dieser Stelle versuchen, das Gefühl, das alle Chormitglieder generationenübergreifend und blind miteinander verbindet, zu beschreiben. Mir ist bewusst, dass für 42 Jahre Chorgeschichte diese 5 min keinesfalls ausreichen.

Deswegen werde ich versuchen, die typische Chorlaufbahn eines Sextaners anhand einiger Ereignisse zusammenzufassen, von denen Sie sagen würden: dat prägt!

Als ich Ihnen in der 5. Klasse zum ersten Mal begegnete war ich von ihrer einzigartigen Präsenz tief beeindruckt. Es war ganz offensichtlich: Sie sind nicht wie jeder andere Lehrer. Dies äußerte sich nicht nur in ihrer Erscheinung, sondern auch in Ihrer Art zu unterrichten. Im Vordergrund stand bei Ihnen nicht der Lehrplan, sondern einen Zugang zu Musik und Kunst zu vermitteln. Ihr Lebenswerk, der Chor, stand hierbei oft im Mittelpunkt. So kam es durchaus vor, dass zwischen Rilke und Mozart die gesamte Klasse Noten tackerte.

Eine jede Chorlaufbahn begann mit dem gefürchteten Vorsingen… vor der Klasse.. am Klavier .. ganz allein....

Mit wackeligen Knien und zitternder Stimme musste „Alle Vöglein sind schon da“ gesungen werden. Danach wurde entschieden: Alt oder Sopran.

Sie haben es geschafft, uns in der Jugend eine Musik nahe zu bringen, die uns sonst wahrscheinlich fremd geblieben wäre. Heute rührt sie uns zu Tränen und ruft unzählige Bilder und Erinnerungen in uns hervor.

Was sich jedoch letztendlich hinter der Gemeinschaft Chor wirklich verbarg und welchen Einfluss es auf meine Entwicklung an dieser Schule nehmen würde, sollte mir erst im Laufe der Jahre bewusst werden. 

Ehrfurcht, Einschüchterung und Überforderung prägten meine ersten Chorproben. Während ich noch damit beschäftigt war, die Noten richtig herum zu halten, erklärten Sie mir bereits die philosophische Bedeutung des Quart Sext Akkords.

Schon bald danach überreichte ich Ihnen die Anmeldung für mein erstes St. Malo, ohne zu ahnen, was mich erwarten würde.

Für viele von uns war es die erste Reise ohne Mutti und Vati.

Viele Dinge erlebte ich das erste Mal. Ich trug meinen ersten Anzug, nahm an meinem ersten Konzert teil, machte meinen ersten Postenlauf. Erfüllt von neuen Erfahrungen und Eindrücken erzählte ich meinen Eltern von den Fahrten im überfüllten Transporter, den Strandspielen, dem Fackellauf  und dem alljährlich mit Spannung erwarteten Stadtrundgang.

Jedes Jahr kam ich aus den Ferien, blickte lange zurück und fieberte schon dem nächsten Jahr entgegen, in dem ich eine halbe Stunde länger aufbleiben durfte.

Langsam begann ich zu verstehen, was sich hinter dem Mythos Chor wirklich verbarg.

Während ich am Anfang stolz war, einen der Großen in Fuchs-Jagd zu schlagen, gehörte ich selber schnell zu den geschlagenen Großen.

Jedes Jahr brachte neue Privilegien, aber auch mehr Verantwortung mit sich.

Zwar schleppte ich nun Podeste, Pauken und Trompeten durch die Kathedrale, durfte im Anschluss aber mein erstes Bier mit Ihnen trinken. Mit wachsender Verantwortung rückte ich Ihnen so ein Stück näher und lernte Sie abseits der Proben als Mensch besser kennen. Jedoch war Ihre Autorität zu jedem Zeitpunkt so groß, dass der Satz „Der Brall geht durch die Zimmer“, unabhängig vom Alter, nie an Schrecken verlor.

Begeistert von den frühen Chorerinnerungen, übernahmen wir Älteren gerne die Aufgabe, die vielen kleinen Traditionen fortzuführen und zum Gelingen der Fahrten beizutragen - egal ob Postenlauf, Tenor gegen Bass oder Bunter Abend.

Trotz all der Eigeninitiative des Chores, war für uns immer klar: ohne Sie geht NIX. Sie haben nicht nur die Konzerte dirigiert und eine außergewöhnliche und einzigartige Gemeinschaft geschaffen, sondern auch die Interessen und Persönlichkeiten jedes Einzelnen maßgeblich beeinflusst.

Ihr Lebenswerk hinterlässt viele Spuren: Lebenslange Freundschaften, Beziehungen, Musikerkarrieren und die Verbundenheit zu Kunst und Poesie. 

Ich bin mir sicher, WIRKLICH nachempfinden können es nur DIEjenigen, die dabei waren.

Ich wünsche mir sehr, dass Ihnen unsere tiefe Zuneigung und Dankbarkeit bewusst ist.